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Speedklettern: Wenn Sekundenbruchteile den Unterschied machen
15 Meter in weniger als fünf Sekunden. Wer da nachdenkt, ist schon zu langsam. Beim Speedklettern übernehmen Muskelgedächtnis und perfekter Flow – und manche Griffe werden auf dem schnellsten Weg nach oben einfach übersprungen. Was der Reza-Skip damit zu tun hat? Zum ersten Europacup in Leipzig schauen wir genauer hin.
Noch stehen beide Füße am Boden. Die Hände liegen an den ersten Griffen, der Blick geht nach oben. 15 Meter. Immer dieselbe Wand. Immer dieselben Griffe. Dann kommt das Startsignal. Was jetzt passiert, dauert bei den Schnellsten nicht einmal fünf Sekunden. Zu kurz, um über den nächsten Griff nachzudenken. Zu schnell, um eine Bewegung noch zu korrigieren, wenn sie einmal ins Stocken geraten ist.
Beim Speedklettern muss der Körper längst wissen, was zu tun ist, bevor der Kopf überhaupt fragen könnte. Wenn am 3. und 4. Oktober erstmals die Europacups im Speedklettern auf der Hobbymesse Leipzig ausgetragen werden, lohnt es sich deshalb, ziemlich genau hinzusehen. Denn auf dem Weg nach oben passieren Dinge, die in wenigen Sekunden leicht zu übersehen sind. Los geht es schon in den Startlöchern. Wer reagiert schneller? Wer erwischt sofort den richtigen Rhythmus?
Hier, sagt Rüdiger Lauberbach von der Sektion Leipzig des Deutschen Alpenvereins, entscheidet der Kopf bereits über einige Tausendstelsekunden. Danach wird es spannend bei den Griffen. Denn nur weil sie da sind, heißt das noch lange nicht, dass man sie auch benutzen muss. Griff Nummer 4 etwa wird seit rund zehn Jahren kaum noch benutzt, vorgemacht hat es Reza Alipour, der zeitweise den Weltrekord für die olympische 15-Meter-Distanz hielt, daher wurde die Sequenz als Reza-Skip bekannt.
Was für das Publikum nach spontanen Sprüngen aussehen kann, ist in Wahrheit tausendfach trainiert. Denn Zeit zum Überlegen bleibt während eines Laufs nicht. Das Muskelgedächtnis übernimmt. Die Bewegungsfolge muss so tief sitzen, dass Hände und Füße beinahe automatisch ihren Weg finden. Der perfekte Lauf ist deshalb nicht unbedingt der spektakulärste. Vor allem ist er eines: fehlerfrei. Kein Fuß rutscht ab. Keine Hand muss nachgreifen. Keine Bewegung gerät ins Stocken. Und ausgerechnet kurz vor dem Ziel, wenn bereits fast die gesamte Wand geschafft ist, werden die Züge noch einmal besonders anspruchsvoll. Dann zeigt sich, wer noch genügend Reserven hat, um den eigenen Rhythmus bis zum letzten Griff zu halten und oben sauber anzuschlagen.
Dieses Zusammenspiel kann man am besten live erleben, bei den Europacups, die zum allerersten Mal in Leipzig stattfinden. Rund 75 Athletinnen und Athleten werden jeweils am Samstag und Sonntag an den Start gehen. Am Samstag gehört die Wand zunächst den U17- und U19-Talenten beim European Youth Cup, am Sonntag folgen die Profis beim European Cup. Der Ablauf ist an beiden Tagen gleich: Nach dem Training um 12 Uhr beginnt um 14 Uhr die Qualifikation. Hier zählt zunächst allein die Zeit. Um 16 Uhr ändert sich die Dramaturgie: Im Finale geht es eins gegen eins die Wand hinauf – wer zuerst oben anschlägt, kommt weiter.
Bevor es für Europas Nachwuchs ernst wird, gehört die Wand am Freitag Talenten aus der Region. Beim freien Training können sie gemeinsam mit dem ehemaligen Nationaltrainer Peter Schnabel an den Details ihrer Läufe feilen. Vielleicht am Start. Vielleicht an einem Skip. Vielleicht an genau jener Bewegung, die irgendwann ein paar Tausendstelsekunden schneller werden muss.
Für den DAV Leipzig ist das Wochenende dabei selbst ein ziemlich großer Schritt nach oben. Nach erfolgreichen Deutschen Jugendcups im Speed- und Lead-Klettern richtet die Sektion nun erstmals einen Europa- und Jugendeuropacup in Leipzig aus. Internationaler Spitzensport ausgerechnet in einer Region, die sich selbst augenzwinkernd als „Flachland-Sektion“ bezeichnet. Und wer sehen möchte, was dort oben passiert, sollte besser nicht blinzeln. Fünf Sekunden können schnell vorbei sein.